Die 34 Minensprengungen an der Tiroler Gebirgsfront 1916-1918
von Robert Striffler

Als der erste Weltkrieg im August 1914 begann, war keines der teilnehmenden Heere auf den Minenkrieg vorbereitet, sollte dieser Krieg doch ein Bewegungskrieg werden, dessen Ende nach kurzer Kampfperiode erwartet wurde. An der Westfront ging man aber bereits im September 1914 zum Stellungskrieg über, und bereits im Dezember brachten die Deutschen ihre ersten Minenladungen unter einer feindlichen Stellung zur Explosion. So entwickelte sich dort sehr bald ein Minenkrieg mit Hunderten von Sprengungen, der seinen Höhepunkt in der Zündung von 19 britischen Minen mit insgesamt 423.000 kg Sprengstoff am 7. Juni 1917 in Flandern fand.

Die Italienfront war im Gebirge von Anfang an ein Stellungskrieg, durchmischt von einigen größeren Schlachten, die Bewegung in der Front bewirkten. Erst 1916 entwickelte sich dort der Minenkrieg, der wegen des Bohrens der Minenstollen im harten Fels ungleich schwieriger war als im weichen Lehm- und Kreideboden Frankreichs oder in Rußland.

Aus italienischer und österreichischer Literatur und aus den Feldakten im Wiener Kriegsarchiv lassen sich 34 Minensprengungen an der Front im Gebirge zwischen Pasubio und den Zuoghi (nördlich dem Rifugio Ospitale an der Staatsstraße 51) nachweisen, davon 20 italienische.

Erfaßt wurden damit alle Minensprengungen im Bereich der zu Kriegsbeginn bestehenden Landesverteidigung Tirol, die mit ihren 5 Rayonen vom Stilfserjoch (Passo di Stelvio) bis zum Hochspitz (Monte Vancomune) an der Kärntner Grenze reichte. Die Minenkämpfe am Isonzo sind damit nicht Gegenstand dieser Beschreibung.

Der Minenkrieg blieb taktisches Mittel des Stellungskrieges und fand in 1917 mit 21 Sprengungen seinen Höhepunkt. Wäre es nicht zum Rückzug der Italiener nach der verlorenen Schlacht von Caporetto gekommen, dann wäre die Zahl der Sprengungen noch um einige angestiegen, da beide Seiten ihre Vorbereitungen für Minen bis hinüber zum Monte Piano trafen.

So aber reduzierte sich das Minengeschehen auf den Pasubio, der nicht in den Strudel des Rückzugs im November 1917 geriet.

Die Zusammenstellung der 34 Minen erfolgte chronologisch und mußte sich auf das wirklich Wesentliche beschränken, könnte man doch für jeden einzelnen der Berge ein Buch für sich schreiben.

Mit besonderer Vorsicht müssen die Verlustangaben gewertet werden, da sie in der Literatur zum Teil voneinander abweichen.

Die Abmessungen der Krater sollen ebenfalls nur als Anhaltspunkte gelten.

Das Gewicht der in den Minenkammern eingebrachten Sprengstoffe kann nur als relative Aussage zur Sprengwirkung gewertet werden. Die chemische Zusammensetzung der verschiedensten Qualitäten der Sprengstoffe bedeutete naturgemäß eine unterschiedliche Brisanz und Sprengkraft der Minen.

Der Verfasser würde sich freuen, wenn die Leser ihm von weiteren Minensprengungen berichten könnten:

Robert Striffler, Damaschkestr. 3, D-76275 Ettlingen


Wir empfehlen nochmals die bisher von Dipl.Ing. Striffler erschienenen Bücher:

Der Minenkrieg in Tirol: Colbricon, Buso del Oro, Marmolata; Buchdienst Südtirol Nürnberg

Der Minenkrieg in den Dolomiten: Lagazuoi, Schreckenstein; w.o.


1. öu. 01.01.1916 Kleiner Lagazuoi

(Lagazuoi piccolo).

Kurz nach Mitternacht eröffnen die Österreicher den Minenkrieg an der Dolomitenfront. Mit nur 300 kg Sprengstoff sprengen sie oberhalb der italienischen Felsbandstellung Cengia Martini einen großen Felsblock ab. Außer moralischer Wirkung und leichten Schäden an der italienischen Stellung keine Verluste.

2. öu. 06.04.1916 Col di Lana.

Die Kaiserjäger auf dem Gipfel des Col di Lana wollen die italienische Initiative eines Minenangriffs stoppen. Mit 110 kg laden sie in aller Eile ihre Spitzenkaverne und zünden. Die beiden italienischen Stollen werden nur leicht gequetscht.

3. it. 17.04.1916 Col di Lana.

Der Italiener zündet um 23 Uhr 35 italienischer Zeit seine beiden mit insgesamt 5020 kg geladenen Kammern. Ein länglicher, doppelter Krater entsteht: 25 m breit, 35 m lang und 12 m tief. Diese wohl berühmteste Mine fordert die höchste Zahl der Minenopfer auf österreichischer Seite: über 100 tapfer ausharrende Österreicher, vor allem vom 2. Regiment der Tiroler Kaiserjäger, liegen noch heute unter dem Schutt der Sprengung begraben, und gut 170 Mann geraten in Gefangenschaft, nachdem die stürmende italienische Infanterie den Gipfel besetzt.

4. it. 11.07.1916 Castelletto

(Punta di Bois, Schreckenstein).

Kaum weniger spektakulär, wenn auch nicht den Mythos der Mine vom Col di Lana erreichend, ist die italienische Sprengung des Sattels des Castelletto an der Tofana di Roces, um diese lästige Stellung der Österreicher zu beseitigen. 35.000 kg Sprengstoff am Ende eines fast 400 Meter langen, raffiniert angelegten Minenstollen deformieren den Sattel und den Südteil der Türme des Castelletto. Unmittelbare Opfer der Mine sind 13 Österreicher, weitere fallen beim viertägigen Kampf um die Stellung, den die Verteidiger am 14. Juli gegen die Alpini verlieren.

5. it. 17.09.1916 Monte Cimone di Tonezza.

Die Italiener versuchen, die österreichische Angriffsmine abzuquetschen. Der Versuch bleibt ohne Bedeutung.

6. öu. 23.09.1916 Monte Cimone di Tonezza.

Den Österreichern gelingt mit 14.200 kg unter dem Cimonekopf die Gipfelsprengung und sofortige Besetzung des Kraters von 50 m Durchmesser und 22 m Tiefe.

Die italienischen Verlustziffern beziehen sich auf Verschüttete und die anschließenden Stellungskämpfe: 1137 an Toten, Verletzten und Vermißten. Fast 500 der Vermißten wollen aber die Österreicher gefangen genommen haben.

7. it. 17.11.1916 Zoughi.

Nach österreichischen Angaben geschieht im feindlichen Minenstollensystem im Zoughirücken ein Unglück, vermutlich durch eine Quetschmine. Es bildet sich am steilen Südhang ein flacher Trichter mit 20 m Durchmesser, der heute nicht mehr sichtbar ist.

8. öu. 14.01.1917 Kleiner Lagazuoi.

Felsabsprengung mit 16.000 kg im Niemandsland auf der Cengia Martini. Die Mine reißt einen 37 m breiten und 45 m tiefen Trichter heraus. Am Fuß der Wand entsteht oberhalb des Passo Falzarego der linke Schuttkegel.

9. it. 03.03.1917 Monte Sief.

Die Italiener zünden ihre 1. Gegenmine im schlanken Grat des Dente del Sief (Knotz) und reißen einen schartenartigen Trichter von 17 m Tiefe und 40 m Länge. Keine personellen Verluste bei den Verteidigern, und auch der österreichische Minenvortrieb bleibt ungestört.

10. it. 12.04.1917 Colbricon.

Dies ist die erste von drei italienischen Minen zur Eroberung des Westgipfels in dessen schmalen Ostgrat mit nur 800 kg. Dabei stürzt eine Felszacke ein und tötet 12 Mann einer österreichischen Feldwache.

11. öu. 22.05.1917 Kleiner Lagazuoi.

Die 3. österreichische Sprengung am Felsband gilt mit 30.400 kg dem gefährlichen gegnerischen Vorposten im kavernierten Felszahn des Strebestein (trincea avanzata). Dieser wird weggeblasen. Aus der Wand über der Cengia Martini löst sich eine Felsmasse ab, deren Bruchfläche gut 200 m hoch und bis zu 140 m breit ist. An die 200.000 Kubikmeter Schutt lassen den Kegel am Wandfuß stark anwachsen. 4 Italiener einer Patrouille werden vom Fels erschlagen.

12. it. 08.06.1917 Monte Zebio.

Die Italiener planten zum Auftakt der großen Ortigaraschlacht 2 Minensprengungen unter dem österreichischen Kampfgraben. Vermutlich durch Blitzschlag zündet diese bereits fertige Mine und reißt über 100 nichtsahnende Italiener in den Tod. Auch die Österreicher verlieren 35 Mann im Trichter von 35 m Durchmesser und 10 m Tiefe.

13. it. 10.06.1917 Monte Rotondo.

Diese 2. Mine wird pünktlich als Overtüre zur Schlacht gesprengt und soll Tod und Verwirrung unter den Verteidigern verbreiten. Trotz heftiger Kämpfe gelingt der italienische Durchbruch an dieser Stelle nicht.

Die Verteidiger besetzen anschließend den etwa 25 m breiten, flachen Hangtrichter und bauen ihn stellungsmäßig aus.

14. it. 20.06.1917 Vorkuppe (Anticima)

Kleiner Lagazuoi.

Nach kunstvoller unterirdischer Überwindung von 190 Höhenmetern sprengen die Alpini mit 33.000 kg die geräumte Stellung des Feindes auf der Vorkuppe. Die Mine öffnet einen deutlich sichtbaren Krater und das über die Cengia Martini abstürzende Gestein bildet den rechten Schuttkegel am Fuß der Wand. Die Österreicher haben keine Verluste, im anschließenden Sturm auf den Trichter verlieren die Italiener einige Mann.

15. it.16.07.1917 Colbricon.

Die Italiener sprengen wieder nahe der ersten Mine mit 4.000 kg und bringen die östliche Gipfelwand zum Einsturz. Die Österreicher verlieren etwa 25 Tote.

16. öu.16.09.1917 Kleiner Lagazuoi.

Die 4. und letzte österreichische Sprengung mit nur 5.000 kg bricht hoch über der Cengia Martini weitere gewaltige Steinmassen ab, die wieder einen Teil des Bandes verschütten, ohne daß Verluste an Menschen zu beklagen sind.

17. it.19.09.1917 Colbricon.

Die dritte und letzte Mine zerreißt den Grat noch mehr. Auf die österreichischen Anlagen bleibt sie ohne jede Wirkung.

18. öu. 26.09.1917 Marmolata

(Vesurascharte, Forcella V).

Die nach dem Verlust der Höhe 3065 m im Serautenkamm stark in Bedrängnis gebrachten Österreicher sprengen mit etwa 1250 kg die Westwand der Vesurascharte.

Das in die Vesura abstürzende Gestein reißt etwa 15 Italiener mit in die Tiefe. Lage des Minenstollen und der Sprengkammer sind bis heute (1993; Anm. d. Red.) noch nicht gefunden worden.

19. it. 27.09.1917 Monte Sief.

Die 2. italienische Mine versucht nochmals, die österreichische Minenanlage zu zerstören. Obwohl die Mine die Silhouette des Knotz (Dente del Sief) nur wenig verändert, sterben auf österreichischer Seite 4 Mineure an Gasvergiftung.

20. öu. 29.09.1917 Pasubio.

Die Österreicher eröffnen den Reigen der insgesamt 10 eigenen und gegnerischen Sprengungen unter dem Eselsrücken (Selletta) und der italienischen Platte (Dente italiano). Mit 500 kg wird eine Quetschmine gesprengt, über 30 Italiener finden den Tod.

21. it. 01.10.1917 Pasubio.

Im Duell um den Sieg im Minenkampf laden die Italiener 16 Tonnen Sprengstoff unter dem Eselsrücken und sprengen einen heute noch erkennbaren Trichter mit 40 m Durchmesser und 20 m Tiefe. Gase dringen in den österreichischen Stollen und töten 12 Mann.

22. it. 10.10.1917 Buso del Oro.

Im Zuge ihres Minenangriffs gegen die österreichische Kuppe 2187 m auf Buso del Oro nördlich des Colbricon mißlingt eine in der Literatur nicht nachweisbare Quetschmine im Niemandsland. Ein osterreichischer Mineur arbeitet in einem Schacht und wird durch herabstürzendes Gestein erschlagen.

23. öu. 21.10.1917 Monte Sief.

Mit einer Ladung von 45 Tonnen zünden die Österreicher ihre zweitgrößte Minenladung im Gebirgskrieg. Auf 80 m Länge und 35 m Tiefe wird der Grat zwischen dem Gipfel und dem Dente zerrissen, die beiden italienischen Krater verschwinden in diesem neuen vollständig. Während unterirdische Schäden am italienischen Stollensystem unbedeutend bleiben, erleidet die in Gräben und Kavernen sitzende Infanterie hohe Verluste: 51 Mann kommen um.

24. it. 22.10.1917 Pasubio.

Mit 1.000 kg zünden die Italiener wieder eine Quetschmine, die aber wegen zu schwacher Verdämmung verpufft und beim Gegner keinerlei Schäden hinterläßt.

25. it. 24.10.1917 Marmolata.

Der Minenkrieg wird in das Eis des Gletschers hineingetragen. Der Italiener sprengt mit etwa 450 kg im Eis. Ein österreichischer Eisstollen stürzt ein, trotzdem haben die Verteidiger keine Verluste zu beklagen.

26. it. 29.10.1917 Marmolata.

Nochmals versuchen die Italiener ihr Glück mit cirka 1.000 kg im Eis, jedoch ohne Erfolg.

27. öu. 03.11.1917 Marmolata.

Jetzt versuchen die Österreicher im Eis zu sprengen. Als Abschiedsgruß an die Italiener, die nach dem allgemeinen Rückzug wegen der verlorenen 12. Isonzoschlacht auch in den Dolomiten ihre Stellungen abzubauen beginnen, sprengen sie eine kleine Ladung im Eis mit unbekannt gebliebener Wirkung.

28. öu. 24.12.1917 Pasubio.

Nach dem Rückzug der Italiener auf den Grappa und an die Piave tobt der Minenkrieg nur noch auf dem Pasubio weiter. 6.400 kg laden die Österreicher unter dem Nordvorsprung der italienischen Platte (Dente italiano) und sprengen am Heiligen Abend einen Teil der Felswand ab. Die Italiener erleiden mit über 50 Toten wieder einen hohen Blutzoll.

29. it. 21.01.1918 Pasubio.

Das letzte Kriegsjahr eröffnen die Italiener mit einer schwachen Quetschmine mit 2 Kammern und 600 kg Sprengstoff, ohne Wirkung beim Gegner zu erreichen.

30. öu. 02.02.1918 Pasubio.

Eine österreichische Quetschmine mit 3.800 kg richtet unter der italienischen Platte schwere Sachschäden an und tötet einige Italiener.

31. it. 13.02.1918 Pasubio.

Jetzt zünden wieder die Italiener eine nicht tagende Mine, die auch eine 2. Mine unbeabsichtigt zur Explosion bringt. Nach einer Stunde gibt es eine weitere, unterirdische Explosion, deren Ursache mysteriös bleibt.

6 Österreicher verlieren ihr Leben, ebenso 2 Italiener.

32. öu. 24.02.1918 Pasubio.

Mit zu geringer Ladung versuchen die Österreicher eine erfolglose Quetschung.

33. it. 05.03.1918 Pasubio.

Eine italienische Gegenmine, provoziert durch ein Täuschungsmanöver, zerstört die Arbeiten für die letzte, große Minensprengung der Österreicher nicht. Nur etwas Gas dringt in deren Stollen ein.

34. öu. 13.03.1918 Pasubio.

Das österreichische Finale im Minenkrieg an der italienischen Front schließt mit der größten Mine ab: 50.000 kg Sprengstoff werden auf 2 Minenkammern verteilt und im Morgengrauen gezündet. Die gewaltigste aller Sprengungen im Gebirgskrieg bringt die ganze Frontseite der italienischen Platte zum Einsturz und begräbt über 40 Mann unter den Massen des gigantischen Bergsturzes. Flammen breiten sich auch im österreichischen Tunnelsystem aus und fordern einige Verluste. Die Östereicher sprengen diese Mine nur wenige Stunden vor einer beabsichtigten italienischen Gegenmine. Beide Seiten beenden danach alle weiteren Minenabsichten.